Die Wahrheit über (Rasier)Seife

2007 habe ich in einem Interview einen Chinesen gesehen. Er hat ein kleines Lokal in einer Seitenstrasse Pekings betrieben und bereitete beispielsweise Baozi und Jiaozi zum Frühstück. (Das sind gefüllte Teigtaschen, die über Dampf gegart werden.)

Da Fleisch im Vergleich zu Gemüse teuer war, hatte der Chinese (schon vor 30 Jahren) eine geniale Idee: Er weichte Zeitungspapier in Wasser ein und mischte es dann 50:50 mit dem Fleisch. Eine Ersparnis von 50%! „Hat bisher noch keiner gemerkt. Allen schmeckt es.“ - sagte er stolz in die Kamera.

Was im kleinen Umfang beim Chinesen um die Ecke passiert, passiert auch bei den Großen. Wir müssen keine Mathe-Genies sein, um zu verstehen, dass der Profit am größten ist, wenn wir etwas sehr billig einkaufen und etwas sehr teuer verkaufen.

Ein anderes Beispiel kam bei einem Gespräch mit dem Inhaber einer Naturseifen-Manufaktur auf den Tisch: Die Seife. Also ein Produkt, das uns mehrmals täglich begegnet. Morgens unter der Dusche, beim Händewaschen oder beim Geschirrspülen.

Von Asche zu Seife

Bringt man verbranntes Holz mit Tierfett zusammen, entsteht nach kurzer Zeit Schleim. Ein fettlösender Schleim. Das in der Asche enthaltene Kalium reagiert mit den Fettsäuren im Tierfett und „verseift“ es. So haben unsere Vorfahren die Seife entdeckt. Genauer gesagt: „die Flüssigseife“.

Bis heute hat sich an der Herstellung der Seife nichts geändert. Die einzelnen Bestandteile sind allerdings wesentlich reiner, so dass wir heute nicht mehr mit Schlamm-Schleim unsere Hände waschen, sondern mit klarer Flüssigseife aus dem Plastik-Pump-Spender.

Ersetzen wir Kalium durch Natrium, dann bekommen wir eine Seife mit fester Konsistenz. Kernseife beispielsweise. Und mischen wir Kalium mit Natrium, dann kommt irgendwas zwischen flüssig und fest raus. Ganz davon abhängig, wie das Verhältnis war. Die Formel lautet also: Kalium (oder Natrium) + Fett = Seife.

Aber jetzt wird es richtig spannend: Hast du gewusst, dass auch Paraffin (aus Erdöl gewonnen) ebenfalls als Fett-Komponente herhalten kann und verseift? Zumindest mir war das neu.

Als Tyler (Brad Pitt) im Film „Fight Club“ abgesaugtes Körperfett aus dem Krankenhaus stehlen wollte, um Seife zu machen, war das also kein Hollywood-Quatsch. Es ist im Grunde egal ob wir Pflanzen, Tiere oder Erdöl als Fettquelle nehmen. Es kommt immer Seife raus.

Es schneit „Soap Flakes“

Das führt mich zurück zu meiner Unterhaltung mit dem Inhaber der Naturseifen-Manufaktur, der mir erzählte, dass der Großteil der Seife einen gemeinsamen Ursprung hat: nämlich Asien. Genauer gesagt Malaysia und China. Und das Stichwort dafür heißt: „Seifenflocken“.

Wenn du dir den Spaß machen möchtest, dann such bei alibaba.com doch mal nach „soap flakes“ und du findest den Rohstoff der Seifenprodukte, die vielleicht auch bei dir zu Hause stehen.

Das Rezept für die Herstellung einer 0815 Supermarkt-Seife lautet:

  • Kaufe ein paar Tonnen Seifenflocken.
  • Schmelze sie bei 120°C.
  • Kipp einige Liter Farbe, Duftstoffe und Silikone rein.
  • Presse die Masse in eine endlose Wurst.
  • Zerhacke die Wurst alle 3cm.
  • Stecke das Erzeugnis in eine hübsche Verpackung mit einem hübschen Logo.

Voilà: fertig ist die Seife. Herstellungskosten X. Verkaufspreis mit gutem Marketing ca. 10 * X.

The one job

Seife hat eigentlich nur eine Funktion: Lösen von Fett. (Mhh. Ein Produkt, das zu mehr als 50% aus Fett besteht, löst Fett? Klingt komisch, ist aber so.) Es löst Fett nicht etwa auf, sondern bindet Fettmoleküle, so dass wir sie mit Wasser wegwaschen können.

Unsere Haut ist aber keine Plastikfolie, die über ein paar Knochen und Fleisch gezogen ist, sondern ein Organ. Eins das atmet und einen eigenen Stoffwechsel hat. Und sie hat einen Schutzfilm, der aus Fett besteht. Wenn also Seife Fett löst, dann löst sie auch den Schutzfilm. Zurück bleiben Bestandteile der Seife, die dann von der Haut aufgenommen werden.

Frage: Wie gut kann das auf Dauer sein, wenn unsere Haut ständig Paraffine, Silikone und anderes Zeug aufnimmt?
Antwort: Keine Ahnung, aber herausfinden will ich es auch nicht.

Was ist dann die Lösung?

Ich schlage folgenden Grundsatz für Seifen vor: Je natürlicher die Zutaten, je kürzer die Zutatenliste und je einfacher die „Zubereitung“, desto näher an der Natur und desto besser für uns. Damit belegen Naturseifen die vorderen Plätze.

Erdöl beispielsweise wird aufwendig chemisch verarbeitet und durchläuft mehrere Prozesse, bis das Paraffin gewonnen ist. Oliven werden dagegen in einfachen mechanischen Presse so lange gequetscht, bis nix mehr rauskommt.

Im Heißverfahren wird Seifemasse mit hohem Energieaufwand auf 120° gebracht. Vorteil: Sobald die Seife abgekühlt ist, kann sie verkauft werden. Nachteil: Alles Leben in der Seife stirbt.

Im Kaltverfahren werden die Öle bei 45° verseift. Kein Energieaufwand nötig, da das Natrium mit Wasser chemisch reagiert und von sich aus auf 90° erhitzt. Vorteil: Vitamine und wertvolle Fettsäuren bleiben erhalten. Nachteil: Die Seife muss Wochenlang reifen, was Lagerkosten verursacht.

Normalerweise kommt auch demineralisiertes Wasser bei der Seifenherstellung zum Einsatz. Man will den Kalk nicht im Wasser haben, weil Kalkseife entsteht und die Seife ihre Wirkung verliert. Das erreicht man mit Ionentauschern.

Die Alternative: Quellwasser, das von sich aus sehr arm an Kalk ist.

Warum sind Naturseifen dann so viel teurer?

Die beiden Hauptzutaten sind Öl und Wasser. Aus einer Olive bekommen wir deutlich mehr Öl raus, wenn wir bei der Ölgewinnung Hitze und hohen Druck einsetzen. Gut, das Öl ist für die Tonne, aber die Ausbeute ist größer und damit billiger.

Wenn ich als Hersteller bei meiner Suche nach billigem Öl nicht wählerisch bin, dann kommen auch Abfälle aus der Massentierhaltung und der industriellen Landwirtschaft in Frage.

Und ob ich demineralisiertes Wasser aus Brauchwasser gewinne, in das ich ein paar Chemikalien kippe oder aufwendig aus einem Brunnen ziehe, könnte auch einen Unterschied im Profit machen.

Fazit

Klar gibt es zwischen schwarz (die Erdöl-Seife) und weiß (die Naturseife) eine ganze Menge Graustufen. Ein Hersteller könnte z.B. die chinesischen Seifenflocken mit ein paar Duftstoffen natürlicher Herkunft aufwerten. Oder die Naturseife nicht aus Bio-zertifizierten Ölen, sondern einfach nur aus kaltgepressten Ölen herstellen. Aber irgendwie spiegelt der Preis einer Seife schon ihre Qualität wieder.

Für uns waren diese Informationen auf jeden Fall der Anstoss eine eigene Rasierseife zu produzieren. Eine in „besser geht nicht“-Qualität. Also mit kaltgepressten Ölen, Quellwasser, Aktivkohle und einer sehr verständlichen und kurzen Zutatenliste. Entstanden ist eine Rasierseife, die wir dir mit gutem Gewissen empfehlen können.

Zu der natürlichen Rasierseife